Info-Abend zum Thema Medienerziehung im Smartphone-Zeitalter

Mitte März fand im Schulhaus Wolfrichti im Grüt ein Info-Abend für Eltern zum Thema Medienerziehung im Smartphone-Zeitalter statt. Dabei lernten die Anwesenden nicht nur viel über die Mediennutzung der Kids, sondern bekamen auch auf sympathische Weise den Spiegel vorgehalten.


von Barbara Tudor

Der Einladung der Schule Gossau zur Informationsveranstaltung zum Thema Medienerziehung am 14. März 2017 im Schulhaus Wolfrichti folgten viele interessierte Eltern.

Smartphones immer früher im Einsatz

Gemäss neuesten Studien nutzen bereits 95% der Kinder ab 12 Jahren ein Handy, bei den Erstklässlern sind es auch schon 15%. Grund genug, sich als Eltern mit der Mediennutzung der Kinder auseinanderzusetzen. Die grosse Herausforderung besteht gemäss Joachim Zahn, Medienpädagoge und Praxisausbildner bei zischtig.ch, darin, den Missbrauch zu verhindern. Denn schnell werde aus einem kindlichen und nicht einmal böse gemeinten Streich eine ernste Sache. Zum Beispiel dann, wenn pornografisches Material über Smartphones verschickt wird. Was vermutlich viele nicht wissen: Alleine schon das Speichern von pornografischem Material auf dem Smartphone ist strafbar und gilt als Offizialdelikt. Und nicht nur Erwachsene werden belangt: Kinder ab 10 Jahren sind bereits strafmündig, wenn sie zum Beispiel über WhatsApp entsprechendes Material gespeichert haben oder gar in Umlauf bringen. Die Krux: Erhält ein Kind entsprechende Bilder zugeschickt, werden diese z.B. im WhatsApp automatisch im Archiv des Smartphones gespeichert – es sei denn, man hat die Einstellungen im Programm angepasst. Deshalb erstaunt es nicht, dass die meisten Verurteilungen aufgrund von Verfehlungen via WhatsApp erfolgen. Auf die Frage einer Mutter, wie sie vorgehen solle, wenn ihr Kind solches Material zugeschickt bekomme, antwortet Joachim Zahn: «Das wichtigste ist, ruhig und sachlich zu bleiben. Direkt zu den Eltern des Absenders zu springen und diese anzuprangern, bringt häufig nichts.» Er empfiehlt in solchen Fällen, den Kontakt zuerst über das Lehrpersonal an der Schule des Kindes zu suchen. Und natürlich stünde auch das Team von zischtig.ch mit Rat und Tat zur Seite.

 

«Reagieren Sie ruhig und sachlich.»

Joachim Zahn, Medienpädagoge und Praxisausbildner, zischtig.ch

 

Instagram, musical.ly & Co

Als Eltern ist es gar nicht so einfach, den Überblick über die Apps und Tools zu behalten, in denen sich die Kids aufhalten. Während der Trend von Facebook bei den Jungen abflacht, boomen Apps wie z.B. Instagram und musical.ly. Gerade letztere hat rasant zugelegt. Über die App werden vor allem Videos geteilt. Die Kinder folgen zum Beispiel ihren Stars und ahmen diese gerne mit eigenen Bildern und Videos nach. Sind die Informationen erst einmal veröffentlicht, gibt’s kein Weg zurück: was im Internet ist, kann nur schwer wieder gelöscht werden. Und so passiert's, dass Kinder und Jugendliche mit üblen Kommentaren konfrontiert werden, die ihnen zu schaffen machen.

 

Joachim Zahn und Claudia Gada von zischtig.ch

 

Eltern sind Vorbilder

«Als Eltern nimmt man eine wichtige Vorbildsfunktion ein», sagt Claudia Gada, Medienpädagogin bei zischtig.ch und Primarlehrerin. Laut einer Studie finden 70% der Kinder, dass ihre Eltern zu viel am Handy sind. Oft ist den Eltern nicht bewusst, dass sie von ihren Kindern beobachtet werden. Wer gedankenabwesend mit seinem Handy am Esstisch sitzt oder vor dem Fernseher ständig seine E-Mails checkt, muss sich nicht wundern, wenn Kinder die gleichen Verhaltensweisen übernehmen. Die Lösung ist einfach: «Am besten man vereinbart Handy-freie Zeiten, zum Beispiel zu den Mahlzeiten, nach 21 Uhr oder zu gewissen Stunden am Wochenende», sagt Joachim Zahn, der selber Kinder hat. «Wichtig ist, dass sich alle daran halten – auch die Erwachsenen.» Bei sich zu Hause hat er dies mit einem selbstgebastelten Handy-Korb gelöst: Darin werden zu den definierten Zeiten alle Geräte platziert. In den Handy-freien Zeiten könne man den Kindern Anregungen für andere Aktivitäten geben. Man könne zum Beispiel mal die Kinder entscheiden lassen, was am Wochenende unternommen werden soll. «Sie werden überrascht sein, welche Vorschläge Ihre Kinder machen». Und Claudia Gada fügt an: «Kinder sollten genügend Pausen haben und auch mal Langeweile aushalten können.»

 

«Kinder brauchen genügend Pausen und müssen auch mal mit Langeweile umgehen können.»

Claudia Gada, Medienpädagogin bei zischtig.ch


Zu wenig Erholungsphasen

Die Mediennutzung der heutigen Zeit bringt ein weiteres Phänomen mit sich: Kindern wie Erwachsenen fehlen häufig die so wichtigen Erholungsphasen fernab von grell leuchtenden Bildschirmen. Man hat nämlich herausgefunden, dass Kinder, welche regelmässig elektronische Geräte benützen, im Schnitt eine Stunde pro Tag weniger schlafen. Der Grund: Durch den hohen Blaulicht-Anteil bei den Bildschirmen wird der Schlafhaushalt empfindlich gestört. Das weckt auf und macht unruhig. Neue Funktionen wie zum Beispiel Night-Shift seien zwar gut, würden aber nicht verhindern, dass Kinder durch das abendliche Surfen aufgekratzt sind. Auch hier hat Joachim Zahn einen Trick parat: «Schalten Sie das W-LAN zum Beispiel ab 21 Uhr ganz einfach ab. Viele W-LAN bieten mittlerweile sogar Zeitprogrammierungen an.» Auch eine Option seien spezielle Apps bzw. Programme zum Einstellen von Nutzungszeiten und Limits auf Smartphones und PC, zum Beispiel Screen Time oder Kidslox.

Kinder und ihre Bedürfnisse ernst nehmen

Dass Verbote nichts bringen, ist wohl allen Eltern im Saal klar. Joachim Zahn und Claudia Gada appellieren an sie, Verständnis für ihre Kinder aufzubringen und sie gezielt an die Mediennutzung heranzuführen. Denn letztendlich gehe es dabei vor allem um Identitätsfindung, wie es bei uns damals nicht anders war. «Wir gingen früher in den Foto-Kasten, um uns in allen möglichen Posen abzulichten. Hätten wir damals Smartphones gehabt, hätten wir genau das gleiche gemacht wie unsere Kinder heute.», sagt Joachim Zahn mit einem Augenzwinkern.

 

Weitere Informationen und Beratung:


Text und Bild: Tudor Dialog, Gossau

 

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