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«Es brennt im Stedtli...»

Viele meinten, das Grüninger Stedtli brenne: Scheunenbrand von Ende Mai 2020. Bild: Christian Merz
Viele meinten, das Grüninger Stedtli brenne: Scheunenbrand von Ende Mai 2020. Bild: Christian Merz

 

Als vor 50 Jahren die Kirche in Grüningen brannte, war die Angst gross, dass das Feuer auf das historische Städtchen überschlägt. Ähnlich besorgt waren die Bewohner, als am 25. Mai 2020 ein Glutregen über dem Stedtli leuchtete, verursacht durch einen Scheunenbrand in der Nähe. Dank dem umsichtigen Einsatz der Feuerwehr konnte damals wie heute Schlimmeres verhindert werden.

 

von Martina Gradmann

 

Gerade einmal acht Minuten nach der Alarmierung stand der Grüninger Feuerwehrkommandant Erich Hofmann am 25. Mai 2020 vor dem brennenden «Mattenhof», einer alten Scheune unweit vom Grüninger Stedtli. Doch schon beim Eintreffen der ersten Einsatzkräfte stand die Scheune in Vollbrand. «Mir war schnell klar, dass sie nicht mehr zu retten war», sagt Hofmann. Auch von Gossau aus waren der Rauch und die riesige Funkensäule zu sehen. Es sah so aus, als würde das Stedtli brennen.

Nichts mehr zu retten
Die ersten taktischen Befehle des Einsatzleiters galten dem Halten und Sichern der angrenzenden Gebäude und dem nahe gelegenen Strommast, der zu diesem Zeitpunkt noch Spannung führte. Der Scheunenbrand konnte mit den aufgebotenen Einheiten und dank strukturierten Arbeitsschritten rasch eingedämmt und die Arbeiten nach der Brandwache am nächsten Morgen abgeschlossen werden. Zum Glück sind weder Menschen noch Tiere zu Schaden gekommen.

 

«Fürio» – der Brandmelder mit dem Horn
Nicht ganz so schnell ist es am 20. Oktober 1970 gegangen. Damals gab es noch keine modernen Alarmierungssysteme wie heute. Stattdessen fuhr der Grüninger Werner Fröhlich als Brandmelder mit seinem Velo hornend durchs Dorf. «Das war eine wahrlich folkloristische Angelegenheit», sagt der 87-jährige. Der Brandmelder sei eine wichtige Person gewesen, so wie seinerzeit der Nachtwächter. Bis das Einsatzkommando vor Ort war, habe es 15 bis 20 Minuten gedauert. Der Kirchturm stand dann bereits in Vollbrand. Heinz Furrer, ehemaliger Pikettchef der Feuerwehr Grüningen, erinnert sich noch gut: «Ich sah von meinem Wohnort auf der Bürglen, dass die Kirche lichterloh brannte. Es war 5 Uhr morgens. Zuerst ging alles drunter und drüber, bis wir sichern, halten und löschen konnten». Schläuche mussten ausgerollt und der Feuerweiher angezapft werden. «Es war unheimlich. Es gab einen riesigen Funkenregen, Balken krachten, und wenn mich mein Kollege nicht zurückgerissen hätte, wäre wohl einer auf mich gefallen», erzählt Furrer, der damals 25 war.

Glühende Schindeln über dem Stedtli
Silvia und Werner Fröhlich, dessen Wohnhaus an der Kirchgasse am nächsten zur Kirche liegt, erinnern sich auch noch gut. Während glühende Schindeln übers Stedtli flogen, packten sie ihre Kinder und Haustiere und begaben sich zu den Nachbarn. Während die Feuerwehr bei ihnen im fünften Stock eine Aufsichtsperson postierte und das Haus wässerte, schaute Werner Fröhlich zu seiner Drogerie, die sich im gleichen Haus befand. «Wäre das Feuer näher gekommen, hätten wir zuerst die feuergefährlichen Waren herausgeholt». In Panik seien sie aber nicht geraten. Angst nütze nichts, da müsse man einfach handeln, sagen beide.

Déja-vu am 25. Mai 2020
Auch beim Mattenhof-Brand von Ende Mai waren zum Glück weder Menschen noch Tiere zu Schaden gekommen, und der Wind hat den Funkenregen glücklicherweise nicht in Richtung Stedtli getragen. Die Sorge ums Stedtli war aber dennoch gross. Einige Stedtli-Bewohner sassen schon auf ihren Koffern. Für den Feuerwehrkommandanten galt es wie damals vor 50 Jahren, die umliegenden Gebäude zu sichern, was mit Kühlen und dem Errichten eines Hydroschildes gemacht wurde. Das alte Holz der Scheune brannte jedoch wie Zunder und war in kürzester Zeit nur noch ein Gerippe.

«Von den Kirchenglocken blieben nur Metallklumpen übrig.»
Heinz Furrer, ehemaliger Pikettchef der Feuerwehr Grüningen

Grundmauern und ein Gerippe
Auch 1970 brannte die Holzkonstruktion der Kirche lichterloh wie eine Fackel in der Nacht, bis von ihr nur noch die Grundmauern standen. Als die Kirchenglocken mit lautem Getöse hinunter stürzten, war allen bewusst, dass nichts mehr zu retten war. «Das Wichtigste war, dass keine Menschen zu Schaden kamen und das Feuer nicht auf das Stedtli übergriff. Wir hatten grosses Glück mit dem Wind», erinnert sich Heinz Furrer. Sieben Jahre dauerte der Wiederaufbau der Kirche, der gleichzeitig auch viele Möglichkeiten zu räumlichen Veränderungen und Verschönerungen schuf. Die Brandursache konnte nicht geklärt werden.


Jubiläumsanlass verschoben
Am 3. Oktober 2020 hätte der Jubiläumsanlass «50 Jahre Kirchenbrand» mit einer Ausstellung im Schloss und mit einem grossen Feuerwehr-Anlass begangen werden sollen. Aufgrund der Corona-Situation wurde dieser auf den Sommer 2021 verschoben. Weitere Informationen: www.schlossgrueningen.ch