Frau Spinner zu Besuch

 

Wir haben Besuch bekommen. Einen mit acht Beinen. Warum sich Anwärter in Acht nehmen sollten und was die Tischmanieren der Dame sind.

 

 

von Bunts

 

Seit kurzem haben wir bei uns zu Hause einen Gast. Einen mit acht Beinen, um genau zu sein. Ich war gerade am Blumen giessen, als wenige Zentimeter vor meinem Gesicht dieses monströse Ding im Netz hing und ich mit einem Aufschrei zurückwich. Mit einer Mischung aus Bewunderung und Abscheu näherte ich mich dem Tier wieder, um es genauer zu betrachten. Mein Puls kam langsam wieder in Normalbetrieb, und mein Herz klopfte nur noch halb so schnell. Die Vernunftsecke in meinem Gehirn sagte mir: „Was für ein tolles Tier! Fantastisch, dass sie sich unseren Balkon als Zuhause ausgesucht hat.“ Der andere Teil meines Gehirns schrie: „Wo ist der Insektenspray?“. Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Dame erfreut sich bester Gesundheit. Sie ist nämlich ein Weibchen, wie ich herausgefunden habe. Genauer: Ein Kreuzspinnen-Weibchen – gut erkennbar an ihrer markanten Musterung am Rücken. Also der Teil ihres Körpers, der mir echt riesig vorkommt. Er ist bestimmt Daumennagel-gross. Die Gute hatte wohl schon so manche leckere Mahlzeit verspeist, bevor sie ihr Netz bei uns gesponnen hat.

Harmloses heimisches Tier
Im Internet habe ich mehr über die neue Untermieterin erfahren. Schliesslich will man ja wissen, wen man da beherbergt. Die Kreuzspinnen, lateinisch Araneus, sind hierzulande gängig. Dann erinnere ich mich wieder daran, wie wir uns als Kinder einen Spass daraus gemacht haben, tote Fliegen in ihre Netze zu werfen, nur um zu sehen, was sich tut… Ich lese weiter. Sie sind draussen und kommen nicht in die Häuser. Gut zu wissen. Und sie sind nicht giftig – der Stich sei nicht schlimmer als ein Mückenstich, weil ihre Beisserchen nicht durch unsere feste Haut kommen. Wie beruhigend!

Grosse Weibchen, arme Männchen
Die Weibchen sind grösser als die Männchen – und fleissiger. Denn die Männchen bauen keine Netze mehr, sobald sie geschlechtsreif geworden sind. Sie ziehen lieber umher, bis sie ein Netz eines Weibchens gefunden haben, das heiratswillig ist. Dann wenden sie einen Trick an, um die Aufmerksamkeit der Herzdame zu gewinnen: Sie spinnen einen Faden und befestigen ihn am Netz des Weibchens. Sie zupfen daran, um die Aufmerksamkeit der Dame zu gewinnen. Ich denke: Nehmt euch in Acht, liebe Männchen, die Dame auf unserem Balkon ist nicht ohne… Und die Sorge ist nicht unbegründet! Das Weibchen versetzt dem holden Prinzen nach der Paarung nämlich kurzerhand einen tödlichen Biss, wenn er nicht schnell genug das Weite sucht. Schluss. Aus. Amen. Ich blicke wieder auf unseren Gast und denke, wie viele Männchen sie wohl schon liebestrunken gemacht und ihnen anschliessend den Todesstoss versetzt hat? Ein Schaudern überkommt mich.

Nachwuchs kündigt sich an
Bald schon soll es Nachwuchs bei Frau Spinner geben: Ende September legt sie ihre Eier und wickelt sie in einen speziellen Faden ein. In diesem wohligen Kokon wachsen die kleinen Tierchen rasch heran und schlüpfen noch in diesem Jahr. Aber: Sie verlassen das sichere Zuhause nicht, sondern überwintern darin. Erst wenn die Temperaturen ab April wieder steigen, schlüpfen sie. Dann bauen sie ihr eigenes Radnetz und wachsen weiter. Noch einmal eine Saison vergeht, ehe sie selber geschlechtsreif werden – und das Zupfen am Netz der Weibchen von vorne losgeht.

 

Keine Eile am Buffet
Aber zurück zu unserer Lady mit Kreuz. Morgens und abends sitzt sie für kurze Zeit in der Mitte ihres prächtigen Netzes, das sich vom Balkongeländer über meinen Lavendel bis hoch zur Balkondecke erstreckt. Den Rest des Tages verbringt sie gut geschützt an der Decke. Mittlerweile gehört es zum Morgenritual, der Mitbewohnerin "Hallo" zu sagen. Abends kucken wir nach, ob sie noch da ist. Ich ertappe mich dabei, wie ich mit der Spinnendame spreche. Unglaublich! Noch vor wenigen Tagen hätte ich sie am liebsten weit weg gewusst. Jetzt gehört sie sozusagen schon zur Familie. Wie ein guter Gastgeber es eben tut, verwöhnen wir sie mit Leckereien. Zum Beispiel mit einer toten Wespe oder einer von der Fliegenklatsche frisch getroffenen fetten Fliege. Doch Madame ist heikel! Da wird nicht sofort losgerannt, um zu schauen, was im Netz gelandet ist. Ganz nach dem Motto «Nur die Ruhe kann es bringen» wartet sie ab, ob das Ding überhaupt hängen bleibt oder sich noch befreien kann. Erst nach einer Weile bewegt sie sich zur Beute. Schlau! Wozu zum Buffet hetzen… Doch bis jetzt ist noch jedes Leckerli verschwunden. Ein höflicher Gast, der aufisst. Das hat man gern.

Gespannt auf die Jungmannschaft
Auch wenn Spinnen weiterhin nicht zu meinen Lieblingstieren gehören und ich sie auch in Zukunft gerne mit Abstand betrachte, so habe ich doch grössten Respekt vor ihnen. Und natürlich sind wir als Familie schon ganz gespannt, wann der Nachwuchs kommt! Was für eine Jungmannschaft das wohl sein wird? Wer weiss, vielleicht findet es ja auch eine von ihnen schön bei uns und entscheidet sich dafür, unser Gast zu sein. Es würde uns freuen.