· 

Gedanken zur Demenz

 

Wir nähern uns mit grossen Schritten einem unbeschriebenem, neuen Jahr. Es ist wie ein noch leeres, unbeschriebenes Buch. Doch was wäre, wenn sich diese 365 neuen Seiten nicht mehr füllen würden?

 

von Susanne Kohler, Geschäftsleiterin des Alters- und Pflegeheims Grüneck, Ottikon

 

Mit grossen Schritten nähern wir uns dem Jahresende und damit verbunden dem Wechsel in ein neues, noch unbeschriebenes, noch leeres Jahr. Leer mindestens in der Agenda – wenigstens bei einem Teil von uns. Doch was wäre, wenn sich diese 365 neuen Seiten nicht mehr füllen würden? Was wäre, wenn sie leer blieben? Nicht nur leer von Terminen, sondern auch leer von bisherigem Wissen, leer von kürzlich Erlebtem, leer von den Eindrücken der Welt? Wie würde sich dies anfühlen? Welches wären dann unsere Empfindungen? Wären wir vielleicht im ersten Moment froh darüber, endlich unsere Ruhe zu haben, oder würden wir unendlich trauern? Trauern um verloren Gegangenes, trauern um die abhandengekommene Fülle des Lebens mit all ihren Facetten?

 

Sie haben es vielleicht bereits bemerkt, ich schreibe über Demenz. Und ich spreche damit von all jenen Menschen, die jährlich daran erkranken, die auch in Gossau mitten unter uns leben, sei es als Ehepartner, als Elternteil, als Freunde oder Nachbarn, wie z.B. im Alters- und Pflegeheim Grüneck. Es sind Menschen, die während der Phase ihrer gefüllten Seiten Wichtiges geleistet haben. Sie gebaren Kinder, waren vielleicht Väter, Politiker, Lehrer, Bäcker, Metzger, brachten uns täglich die Post, tippten an der Kasse, schnitten uns als Coiffeure die Haare, lehrten uns in der Schule das Alphabet, standen uns als Arzt während einer Krankheit bei oder befreiten unsere Strassen von Schmutz und Schnee. Nun sind ihre ehemals gefüllten Seiten bis auf wenige leer und ihre Agenden enthalten keine neuen Einträge mehr. Der Wechsel vom alten ins neue Jahr ist vielleicht bedeutungslos geworden, in ihren Agenden nicht mehr an den vollen bzw. noch leeren Seiten erkennbar. Doch sind diese Menschen deshalb auch innerlich leer geworden, wie es einmal eine Angehörige ausdrückte? Nein, das sind sie nicht! Davon bin ich zu 100 Prozent überzeugt. Gewiss, es gibt auch bei Demenz ganz verschiedene Formen, so auch eine Demenz mit und ohne Apathie. Die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften führt dazu gerade eine Studie durch, die zeigen soll, ob Demenzpatienten Veränderungen in der Hautleitfähigkeit aufweisen, wenn sie mit Fotos konfrontiert werden, die auto-biografische (subjektiv bedeutsame) Inhalte abbilden. Was wäre, wenn die Hauptstudie zum Schluss käme, dass Menschen mit Demenz und Apathie diese Veränderungen nicht mehr zeigen? Wäre dies der Beweis dafür, dass ihre Emotionsfähigkeit erloschen ist, dass sie vielleicht leer sind? Dr. Valentine Marcar, einer der Wissenschaftler der Studie, sagt dazu: «Was wir suchen, ist, metaphorisch gesprochen, eine Stimme im Sturm. Hören wir sie, bedeutet dies, dass sie noch vorhanden ist. Hören wir sie nicht, ist der Sturm möglicherweise einfach zu laut.»

Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie die Stimme hören, sei es bei sich oder bei anderen, und ich versichere Ihnen, dass auch ohne Studienergebnisse, dafür aber aus der täglichen Erfahrung mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind und bei uns im Grüneck leben, diese Stimme und diese Emotionen noch da sind! Menschen mit Demenz sind nicht «leer». Im Gegenteil: Auch sie zeigen Gefühle wie beispielsweise Freude oder Trauer. Auch sie sind voller Leben und benötigen Liebe, Zuneigung sowie Wertschätzung. Bedürfnisse also, die wir ihnen alle jederzeit geben können.

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen besinnliche Festtage und für das neue Jahr Gesundheit, viele schöne Begegnungen sowie alles Gute. Sollten Sie noch auf der Suche nach einem guten Vorsatz für 2019 sein, so halten Sie sich doch an den Mathematiker und Philosophen Blaise Pascal (1623–1662), der schon damals meinte: «Es gibt bereits alle guten Vorsätze, wir brauchen sie nur noch anzuwenden.»

Susanne Kohler, Geschäftsführerin, Alters- und Pflegeheim Grüneck

 

Alters- und Pflegeheim Grüneck

Das Heim im Grünen

Brüschägertenweg 14, 8626 Ottikon

Telefon 044 9358

info@grueneck-gossau.ch

www.grueneck-gossau.ch

 

Quelle: Gossauer Info 135/Dezember 2018

Kommentar schreiben

Kommentare: 0