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Gossauer lanciert Schweizer Landkarte für Defibrillatoren

Hat Defikarte.ch ins Leben gerufen: Christian Nüssli aus Ottikon ZH. Bild: zvg
Hat Defikarte.ch ins Leben gerufen: Christian Nüssli aus Ottikon ZH. Bild: zvg

 

Christian Nüssli aus Ottikon ZH hat mit Defikarte.ch eine OpenStreetMap-Landkarte für Defibrillatoren entwickelt, damit Personen im Ernstfall schnell das benötigte Gerät finden und erste Hilfe leisten können.

 

von Barbara Tudor

Bei einem Herz-/Kreislaufstillstand zählt sprichwörtlich jede Minute. Denn alle 60 Sekunden sinken die Überlebenschancen des Betroffenen um 10 Prozent. Umso wichtiger ist es, dass Hilfeleistende im Ernstfall schnell zu einem öffentlich zugänglichen Defibrillator, kurz "Defi", kommen. Christian Nüssli aus Ottikon ZH hat eine schweizweit aktuelle Defikarte entwickelt, wo die Standorte    von öffentlichen und nicht öffentlichen Defibrillatoren vermerkt sind.

bunts.ch: Du hast Defikarte.ch ins Leben gerufen. Wie kam es dazu?

Christian Nüssli*: Ich arbeite seit rund zwei Jahren in der Einsatzleitzentrale von Schutz & Rettung Zürich. Die Zentrale ist verantwortlich für die Sanitätsnotrufe 144 in vier Kantonen und für Feuerwehrnotrufe 118 im Kanton Zürich. Als Applikationsbetreuer und teils im Datenmanagement tätig, haben mich Geo-Daten immer mehr interessiert. Ich begann als Hobby mit dem „Mappen“ von offenen Daten im Karten-Wikipedia OpenStreetMap. Die Idee zur Defikarte.ch kam mir bei einer Wanderung durch ein verschlafenes Dörfchen im Kanton Graubünden. Dort standen in regelmässigen Abständen Tafeln mit dem nächsten Defi-Standort. Mir wurde bewusst, dass dies bei weitem nicht alle Kantone so handhaben und dass die Defi-Standorte meist unbekannt sind. So kam mir die Idee zu Defikarte.ch und ich fing an, die Karte abzubilden und neue Daten abzufüllen.

 

Seit wann gibt es die Karte, bzw. seit wann ist sie online?

Christian: Ich arbeite schon etwas länger daran. Aufgeschaltet ist sie seit Mitte Mai 2020.

 

«Die Reaktionen auf Defikarte.ch haben mich überwältigt.»
Christian Nüssli, Erfinder von Defikarte.ch

 

Gab es bereits Reaktionen?

Christian: Ich hatte die Defikarte bis jetzt nur auf meiner privaten Facebook-Seite bekannt gemacht. Seither überquillt meine Mailbox mit Datenmeldungen, was mich natürlich sehr freut. Alleine in den letzten Tagen kamen über 80 Mails und über 120 neue Defis auf die Karte. Neben Privatpersonen melden auch Leitstellen, Rettungsdienste, Feuerwehren usw. aus der ganzen Schweiz ihre Daten. Die Reaktionen auf meine Idee haben mich überwältigt und machen mich auch ein wenig stolz.

 

Wie funktioniert die Defi-Landkarte?

Christian: Wer den Standort eines Defibrillatoren kennt, kann auf www.defikarte.ch nachschauen, ob er bereits in der Karte aufgeführt ist. Fehlt das Gerät noch auf der Karte, kann jeder auf OpenStreetMap einen kostenlosen Account eröffnen und diese Daten selber einpflegen, was auch schon rege gemacht wird. Die Erfassung ist leicht. Wenn sich aber jemand nicht zutraut, selber einen Eintrag zu machen, kann man mir auch ganz einfach eine E-Mail schreiben.

 

Was ist der Vorteil von Defikarte.ch?

Die Defikarte.ch kann man sich ganz einfach im Handy speichern. Im Ernstfall kann man die Website auf seinem Handy aufrufen und nachschauen, wo sich der nächste Defibrillator befindet. Die Daten werden bei jeder Abfrage der Website direkt und aktuell aus OpenStreetMap geholt. So wird sichergestellt, dass der Website-Besucher jederzeit einen aktuellen Stand hat. Ich setze zudem stark auf den Einbezug der Bevölkerung. Ihre lokale Verankerung und Ortskenntnisse sind der grösste Nutzen für die Karte.

 

Die Karte hat bereits etliche Einträge. Wie bist du zu all diesen Informationen gekommen?

Christian: Wenn ich alles alleine hätte machen müssen, wäre das zu gross gewesen für ein Nebenprojekt. Defikarte.ch ist ein Mix aus Community-Daten und Einzelmeldungen. Ich kann auf ein sehr gutes Netzwerk an anderen "Mappern" zurückgreifen, die mithelfen. Momentan betrifft der grösste Aufwand die Datenpflege. Die OpenStreetMap-Community wächst aber glücklicherweise stark und somit wird auch die Datenqualität immer besser. Die Meldungen über die Webseite und den ganzen Schriftverkehr erledige ich alleine. Für zukünftige Entwicklungsarbeiten werde ich mir aber einen Partner suchen.

 

Wie stellst du sicher, dass die Angaben korrekt sind und man im Ernstfall auch wirklich am angegebenen Standort auf einen öffentlich zugänglichen Defibrillator trifft?

Christian: Diese Frage beschäftigt mich immer wieder. Ich kann natürlich nicht alle Daten überprüfen. Ich bin da auf die Richtigkeit der Meldungen und bereits vorhandenen Einträge angewiesen. Die Qualitätssicherung durch andere Mapper ist aber hervorragend. Fehler werden sofort korrigiert, wenn sie entdeckt werden. Eine 100-prozentige Garantie auf Vollständigkeit und Richtigkeit kann ich aber natürlich nicht geben. Sollte das Projekt an Akzeptanz gewinnen, werde ich auch einen Anlauf bei der Politik nehmen.

 

«Mit Defikarte.ch möchte ich eine schweizweit flächendeckende Lösung bieten.»

Christian Nüssli

 

Es gibt bereits andere Websites mit solchen Angaben. Was unterscheidet defikarte.ch von ihnen?

Christian: Die bestehenden Karten sind auf einzelne Kantone oder Gebiete begrenzt. Mit Defikarte.ch möchte ich eine schweizweit flächendeckende Lösung bieten. Auch haben mich die anderen Karten inhaltlich nicht so ganz überzeugt. Darum habe ich das selber an die Hand genommen. Letztendlich ist es aber nicht entscheidend für mich, wer welche Karte benützt. Ich will mit Defikarte.ch auch keine anderen Karten konkurrenzieren und auch keinen Profit daraus ziehen. Mir geht es darum, dass die Leute sensibilisiert werden, dass OpenData-Lösungen immer wichtiger werden und viele Vorteile bringen. Im Fall von Defikarte.ch kann sie vielleicht Leben retten.

 

Auf der Karte hat es diverse Einträge mit der Angabe „First Responder“. Was bedeutet das?

Christian: Ein First-Responder, auf Deutsch "Ersthelfer", ist eine Person, die ausgebildet ist und bei einem Herz-/Kreislaufstillstand eine Reanimation vornehmen kann. Dieses System hat sich schweizweit bewährt, wird aber in den einzelnen Kantonen unterschiedlich gelebt. Im Kanton Tessin zum Beispiel sind das vorwiegend Privatpersonen, während im Kanton Zürich vor allem professionelle First-Responder von Polizei und Feuerwehren zum Einsatz kommen. Dass dies in allen Kantonen unterschiedlich gehandhabt wird, macht es auch schwierig, eine Gemeinsamkeit bezüglich Daten zu finden.

 

«Eine App zu haben, die auf meiner Idee basiert, wäre schon toll.»

Christian Nüssli

 

Planst du, die Karte noch weiter auszubauen, z.B. mit einer App?

Christian: Der nächste logische Entwicklungsschritt wäre eine App. Es wäre natürlich toll, eine eigene App zu haben, die auf meiner Idee basiert. Dafür brauche ich aber einen Partner, der den gleichen Spirit hat wie ich. Dem es wie mir nicht ums Geld geht, sondern um die Sache. Da wird sich in den nächsten Wochen hoffentlich etwas ergeben. Die Website möchte ich so schlicht wie möglich halten, um sie nicht zu überladen.

 

Musstest du selber schon einmal in einem Ernstfall einen Defi einsetzen?

Christian: Ja, ich hatte den Defi auch schon im Einsatz.

 

Wie erkennt man als Laie überhaupt, dass ein Mensch Kammerflimmern hat bzw. der Einsatz eines Defis nötig ist?

Christian: Als Laie ist das nicht immer so leicht zu erkennen. Typische Symptome sind Herzstolpern oder Herzrasen, Schwindel, Kurzatmigkeit, Schwitzen, Schwäche und ein Engegefühl in der Brust. Viele bemerken jedoch gar keine Symptome oder können die Signale ihres Körpers nicht richtig einordnen.

 

Was sind die wichtigsten Massnahmen, die man in einem solchen Fall treffen muss?

Christian: Als erstes immer den Notruf 144 wählen! So gewinnen die Rettungskräfte wichtige Zeit, bis sie beim Patienten eintreffen. Die Notrufzentrale stellt gezielte Fragen, um die Situation sofort zu erkennen und die richtigen Massnahmen einzuleiten. Wenn möglich soll sich die Person Hilfe dazu holen. Der zweite Helfer kann dann eben zum Beispiel den nächstgelegenen Defibrillator organisieren und bei der Reanimation helfen. Ganz wichtig ist, unverzüglich mit der Wiederbelebung zu beginnen.

 

Die richtige Anwendung eines Defibrillators kann man in Kursen lernen. Bild: zvg
Die richtige Anwendung eines Defibrillators kann man in Kursen lernen. Bild: zvg

 

Die meisten Menschen sind Laien und der Nothelferkurs ist schon Jahre her. Kann man als Laie einen Defi überhaupt bedienen?

Christian: Moderne Defis begleiten mit Sprech-Anleitungen durch die ganze Situation. Es wird erklärt bzw. angezeigt, wo die Elektroden anzukleben sind und in welchem Takt und mit welchem Druck man die Herzmassage machen muss. Schön wäre natürlich, wenn sich mehr Menschen in diesen Bereichen ausbilden liessen. Es gibt verschiedene Anbieter, die entsprechende Ausbildungen anbieten.

 

«Nur wer nichts macht, macht alles falsch.»
Christian Nüssli

 

Kann man bei der Verwendung des Defis etwas falsch machen?

Natürlich kann man von Laien nicht erwarten, dass sie alles richtig machen. In der Schweiz ist aber jede Person verpflichtet, einem in Lebensgefahr schwebenden Menschen zu helfen. Nur wer nichts macht, macht alles falsch.

 

*Christian Nüssli wohnt seit 2012 in Ottikon ZH. Er engagiert sich als Offizier in der Feuerwehr Gossau ZH und arbeitet als Applikationsentwickler in der Einsatzleitzentrale von Schutz & Rettung Zürich. In seiner Freizeit geht er gerne zu Fuss oder mit dem Bike in die Berge. Neben seinem Hobby, dem Mapping, fotografiert er auch gerne.


Defibrillator (AED – Automatisierter Externer Defibrillator)

Ein Defibrillator, auch Schockgeber oder "Defi" genannt, ist ein medizinisches Gerät. Es kann durch gezielte Stromstösse Herzrhythmusstörungen wie Kammerflimmern beenden, welches bei 85 Prozent aller plötzlichen Herztode anfangs vorkommt. Neben Defibrillatoren auf Intensivstationen, in Operationssälen, in Notaufnahmen und in Fahrzeugen von Rettungsdiensten, werden seit den 1990er-Jahren immer mehr automatisierte externe Defibrillatoren in öffentlich zugänglichen Gebäuden und Orten bereitgestellt. Ein Defibrillator verbessert die Chancen einer erfolgreichen Herz-Lungen-Wiederbelebung, kann diese aber nicht ersetzen.

Quelle: Wikipedia/Defikarte.ch


Ausbildungsmöglichkeiten im Dorf

BLS-AED-Ausbildungen für Private, Firmen und Vereine gibt's auch in Gossau und Grüningen:

> kurs welte Bertschikon

> Samariterverein Gossau ZH

> Samariterverein Grüningen

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