WiG: Generationenübergreifendes Wohnen im Herzen von Gossau

 

Auf dem ehemaligen Molkerei-Areal im Dorf, schräg vis-à-vis von der Migros, entsteht auf 2019 ein intergenerationelles Wohnangebot mit Single-, Familienwohnungen und Pflegewohngruppen. Im Interview erzählt Vincenzo Paolino, Vorstandsmitglied der Genossenschaft Wohnen in Gossau ZH, mehr über das Vorhaben und über den aktuellen Stand des Projekts.

 

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Herr Paolino*, was ist die Genossenschaft Wohnen in Gossau, kurz WiG, und was bezweckt sie?
Vincenzo Paolino: Die WiG hat sich zum Ziel gesetzt, auf genossenschaftlicher Basis preiswerten Wohnraum mitten in Gossau zu erstellen. Dabei werden sowohl die Bedürfnisse von Familien mit Kindern als auch diejenigen von älteren Menschen berücksichtigt. Die Wohnungen werden im sog. universal design gebaut. Dies bedeutet weitgehende Barrierefreiheit und eine einfache Bedienung der eingebauten Apparate. Für ältere Menschen mit mittlerem und höherem Bedarf an Betreuung und Pflege stehen die Pflegewohngruppen zur Verfügung, die von Almacasa betrieben werden.

Wie ist das Projekt entstanden bzw. wer sind die Initianten?
Projektentwickler und Architekt ist Aaron Wegmann aus Gossau. Er hat dem Wunsch der Grundstückeigentümer entsprochen und sich für eine genossenschaftliche Lösung stark gemacht. Nun haben wir einen tüchtigen Vorstand, den Pia Bianco, ebenfalls aus Gossau, präsidiert. Es ist genau diese lokale Verankerung, die dem Projekt immer wieder Schub gibt!

Wie wird das Projekt finanziert, und wer ist daran beteiligt?
Das ist eine wichtige Frage, denn es geht immerhin um eine Gesamt-Bausumme von knapp 21 Mio. Franken. Beteiligt sind zunächst einmal Menschen aus Gossau, die durch den Kauf von Anteilsscheinen Genossenschafter geworden sind. Dazu kommen Darlehen und ein namhafter Beitrag von Almacasa. Schliesslich stehen uns als Genossenschaft rückzahlbare Beiträge des Bundes aus dem «Fond de Roulement» zu. Künftige Mieter müssen ebenfalls Anteilsscheine kaufen, und den Abschluss bildet dann die übliche Bankenfinanzierung. Dieses Rezept gibt uns die Möglichkeit, vergleichsweise günstige Wohnungen für einen langen Zeitraum anbieten zu können.

Die Überbauung auf dem Areal «Am Roswisbach» erstreckt sich über 6‘000 Quadratmeter. Können Sie kurz beschreiben, wie die Überbauung aussehen wird?
Wir schaffen insgesamt 32 Wohnungen in unterschiedlichen Grössen. Ein Teil davon wird sich je nach Bedarf zu Grosswohnungen umgestalten lassen für grosse Familien. Für Menschen mit mittlerem und hohem Bedarf an Betreuung und Pflege bietet Almacasa drei Wohngruppen mit Platz für je 10 Bewohnerinnen und Bewohner an.

 

«Die künftigen Bewohner können sich partizipativ am Gemeinschaftsleben beteiligen. Das ist Chance und Verpflichtung zugleich.»
Vincenco Paolino, Vorstandsmitglied und Kommunikationsverantwortlicher, WiG

 

«Am Roswisbach» ist keine gewöhnliche Wohnüberbauung, es steckt ein ausgeklügeltes Konzept dahinter. Können Sie mehr darüber erzählen?
Ja, das ist in der Tat ausgeklügelt. Zum einen ist da natürlich die generationenübergreifende Idee: Wir sind der Meinung, dass die Separation der Generationen nicht richtig ist. Wer will schon in einem Alters-Ghetto wohnen? Und warum sollen Kinder und ältere Menschen nicht in der gleichen Siedlung zusammenleben können? Ebenfalls wichtig ist uns, dass die künftigen Bewohner sich partizipativ am Gemeinschaftsleben beteiligen können. Es wird gemeinschaftlich genutzte Räume geben, um die Kosten zu verringern. Das ist Chance und Verpflichtung zugleich. Ein renaturierter Bachlauf mit öffentlichem Fussweg, das geplante Café und der Gemeinschafts-Hofladen mit lokalen Produkten wird die Bevölkerung in der Siedlung zusammenbringen. Die Siedlung soll zudem nach dem SIA-Effizienzpfad Energie erstellt werden, und ein Mobilitätskonzept sichert einen "autoarmen" Betrieb der Siedlung.

Was verstehen Sie konkret unter der Partizipation der Bewohner?
Es gibt verschiedene Formen der Partizipation. Dazu gehört als erster Schritt die Information über alles, was in der Siedlung läuft. Als Genossenschafter ist man ja quasi Miteigentümer und nicht einfach ein anonymer Mieter. Vorgesehen sind zudem Gemeinschaftsanlässe, ein schwarzes Brett, wo jeder seine Ressourcen eintragen kann und eine Art Siedlungskommission, die über bestimmte Belange mitentscheiden kann und Mitsprache geniesst. Wie genau sich das ausgestaltet, sollen und dürfen die Bewohnenden dann mitentwickeln.

Was ist der aktuelle Projektstand, und was sind die nächsten Schritte?
Die Planungsarbeiten sind abgeschlossen, und die Baueingabe ist erfolgt. Die Publikation erfolgt in Kürze.

 

«Das Projekt ist in Gossau sehr gut aufgenommen worden.»
Vincenzo Paolino

 

Wie ist das Projekt bei der Gossauer Bevölkerung angekommen? Gab es negative Stimmen, die das Projekt erschwert haben?
Insgesamt ist das Projekt sehr gut aufgenommen worden. Da wir sozusagen mitten im Dorf sind, brauchte es aber natürlich sorgfältige Diskussionen mit den Nachbarn, um diese mit an Bord zu haben. Es ist der ausserordentlich umsichtigen und vertrauensstiftenden Arbeit von Aaron Wegmann und Pia Bianco zu verdanken, dass dies auf gutem Weg ist.

Haben die Gossauerinnen und Gossauer Vorrang beim Bezug der Wohnungen? Nach welchen Kriterien werden die Bewerbungen berücksichtigt?
Es versteht sich von selbst, dass Mitglieder der Genossenschaft zunächst einmal Vorrang haben. Das sind nicht zwingend Gossauerinnen und Gossauer, aber bis jetzt ist dies doch der weitaus grösste Teil. Danach werden wir die Wohnungen aber auch am Markt anbieten unter der Voraussetzung, dass künftige Mieter ebenfalls Genossenschafter werden und einen Beitrag als Anteilsscheinkapital zeichnen und einzahlen. Hierfür kann übrigens auch Pensionskassengeld verwendet werden.

Wenn sich eine Gossauerin oder ein Gossauer für eine Wohnung interessiert, wie muss sie bzw. er vorgehen?
Einfach auf unsere Website gehen und Genossenschafter werden. Wir orientieren dann wieder, wenn die Bauphase beginnt.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

 

*Vincenzo Paolino studierte in München Psychologie, absolvierte die Ausbildung zum Pflegefachmann HF und arbeitet seit 25 Jahren in Führungsfunktionen im Hospiz- und Altersbereich. Er beschäftigt sich mit der Lebens- und Alltagsgestaltung von älteren Menschen mit chronischen Erkrankungen und gründete gemeinsam mit Liliane Peverelli die Almacasa, eine Organisation, welche quartiernahe Pflegewohngruppen für ältere Menschen bereitstellt, die vorübergehend oder auf Dauer ihr Leben nicht alleine bewältigen können. Daneben ist Vincenzo Paolino Vorstandsmitglied von IAHSA (The Global Ageing Network). Er ist in der Schweiz wie auch international als Berater für grössere Organisationen der Branche tätig. Als Präsident des Vereins queerAltern arbeitet er an einem Wohn-, Betreuungs- und Pflegeangebot für die LGBTI-Community in Zürich. Paolino lebt mit seinem Mann in Zürich.


Genossenschaft Wohnen in Gossau ZH
Grütstrasse 37
8625 Gossau ZH

> E-Mail
www.wig-zh.ch

 


 

Mit Vincenzo Paolino gesprochen hat Barbara Tudor von Tudor Dialog, Gossau.

Bilder: zvg